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Richard Esriel

Persönliche Daten
Ausbildung, Studienreisen, internationale Aufenthalte
Beruflicher Werdegang, Lehrtätigkeit
Vita
Stellenwert
Werke
Primärquellen
Sekundärquellen
Anmerkungen
Persönliche Daten
* 29.04.1875 - † 02.06.1938
Geschlecht: m
Geburtsort: Tarnow
damaliger Name: Tarnow, Galizien
Land: Polen
damaliger Name: Österreich-Ungarn
Sterbeort: Wien
Land: Österreich
weitere Namen: Rafael
Religionsbekenntnis: Mosaisch
Berufsbezeichnung: Architekt und Baumeister
Familiäres Umfeld: Vater: Mendel E.
Mutter: Dasse, geb.Hofjud
1.Ehe (1899) mit Dora, geb. Ratz (1871-1923)
2.Ehe (1926 od.1928) mit Hilde, geb.Hirsch, gesch. Kuner (*1895)
Kinder: Olga, verehel. Kauftheil (*1900, 1939 Zusatzname Sara, 1942 ins Ghetto Opole deportiert); Melanie (*1902, 1938 vollentmündigt in Anstalt Steinhof, 1940 Deportation nach Hartheim und Ermordung); Dora (1904-1921)
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Ausbildung, Studienreisen, internationale Aufenthalte
nicht bekannt
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Beruflicher Werdegang, Lehrtätigkeit
ab 1899Tätigkeit als selbständiger Architekt in Wien
vor 1908Gründung einer Bauunternehmerfirma
1908Konkurseröffnung der „Bauunternehmung Esriel“, Esriels Frau Dora wird Firmeninhaberin, Richard Esriel Prokurist
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Vita
Richard Esriel wurde 1875 als Sohn einer jüdischen Familie in Tarnow im damaligen Galizien (heute in Polen) geboren. Es ist weder bekannt, wann er nach Wien kam, noch wann er seinen Vornamen änderte – er hieß vorerst Rafael – und welche Ausbildung er genossen hatte. Gesichert ist, dass er ab dem Jahr 1899 als selbständiger Architekt in Wien tätig war. In weiterer Folge gründete er ein Bauunternehmen, über das allerdings im Jahr 1908 der Konkurs eröffnet wurde. Seine erste Frau Dora wurde daraufhin Geschäftsinhaberin und Richard Esriel fungierte fortan als Prokurist.

Esriel scheint von sich selbst sehr überzeugt gewesen zu sein. Dies wird schon bei der Eintragung in Lehmann’s Adressbuch offenkundig: „Spezialbüro für moderne Architektur und Bauausführungen. Herausgeber eigener illustrierter Architekturwerke. Mehrfach prämiert.“ Tatsächlich publizierte Esriel im Jahr 1909 eine Sammlung seiner Werke („Gesammelte Skizzen, Fassaden und ausgeführte Bauten“), doch verursachte diese Publikation einige Irritationen. Zum einen hatte Esriel in den „Mitteilungen der Zentralvereinigung der Architekten“ über die Köpfe des Redaktionsteams hinweg für sein Werk in Form einer ganzseitigen Rezension geworben und allein schon dadurch den Unmut etlicher Kollegen auf sich gezogen. Zum anderen aber wurde festgestellt, dass zumindest eines der Werke zweifelsfrei ein Plagiat darstellte und es wurden gerichtliche Schritte gegen Esriel eingeleitet. Noch im gleichen Jahr wurde „Architekt“ Richard Esriel zu 500 Kronen Geldstrafe und 200 Kronen Schadenersatz verurteilt, „weil er zusammen gestohlene Entwürfe als seine Schöpfungen ... ausgegeben hat. Er ist ein gewöhnlicher Bauzeichner ohne jede akademische Bildung.“

Nichtsdestotrotz kann Esriel als erfolgreicher Bauunternehmer bezeichnet werden, der eine Reihe von Gebäuden nach eigenen Entwürfen realisiert hat. Charakteristisch bleibt, dass Esriel seine Entwürfe auch nach seiner erwähnten Verurteilung stets mit „Architekt“ signierte und auch in einschlägigen Werbe-Annoncen seine Profession als „Architekt“ betonte („Spezialabteilung für Planungsausführungen und moderne Architektur unter technischer Leitung des Architekten R. Esriel“).

Richard Esriel war zwei Mal verheiratet und hatte drei Töchter, von denen zwei in Konzentrationslagern des NS-Regimes ums Leben kamen. Esriel selbst starb nach langjähriger Krankheit im 63.Lebensjahr an Herzschwäche und „Herzmuskelentartung“ 1938 in Wien. Er wurde am Zentralfriedhof in Wien begraben.
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Stellenwert
Von Richard Esriel sind in Wien nur Wohnhäuser erhalten. Das einzige öffentliche Gebäude, die Synagoge in Wien-Atzgersdorf, Dirmhirngasse 112 (Wien 23), die er 1900 anlässlich des 70.Geburtstags von Kaiser Franz Joseph errichtete, wurde in der sog. „Reichskristallnacht“ im Jahr 1938 zerstört. Die Synagoge war in Formen der Neorenaissance mit zwei Türmen und einem mittigen Giebelfeld konzipiert, doch erfolgte bereits im Jahr 1922 mit einem Anbau an der Eingangsfassade eine starke Veränderung.

Bei der Gestaltung der Wohnbauten hat es Esriel verstanden, sich souverän der breiten Stilpalette zu bedienen, die den Architekten Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts zur Verfügung stand. Er griff aktuelle Formen auf, modifizierte bzw. kombinierte sie und transferierte sie zu jeweils neuen, individuellen Schöpfungen.

Auch bei den Arbeiten, die Esriel in der Zusammenstellung seiner Werke präsentiert – tatsächlich weist die Publikation neben den „zusammen gestohlenen“ Entwürfen auch eigenständige Schöpfungen auf –, wird diese stilistische Vielfalt deutlich. Doch sind die Fassaden der Wohnhäuser in einem Horror Vaccui mit einer überbordenden Fülle an kleinteiliger Dekoration überzogen, die in alle Stilrichtungen changiert. Seine Vielseitigkeit offenbart Esriel aber auch mit einem Entwurf für eine Aussichtswarte im Riesengebirge, die eine Ritterburg en miniature darstellt, während er demgegenüber bei dem Entwurf für eine Ausstellungshalle ausschließlich moderne Stilmittel verarbeitet hat.

Bei den realisierten Wohnbauten wird Esriels Handschrift durch eine Reduktion des Dekors klarer, er demonstriert jedoch weiterhin seine Vielfältigkeit. Sein erstes bekanntes Gebäude, das Miethaus in Wien 8, Lerchengasse 27 (1899-1900) etwa zeigt zwar den für den Späthistorismus typischen, mit Gesimsen betonten dreizonigen Aufbau, die Mauerflächen hingegen sind durch den Einsatz secessionistischer Motive eher flächig gehaltenen. Im Gegensatz dazu gibt Esriel dem gegenüberliegenden, zeitgleich errichteten Miethaus mit schweren Fensterüberdachungen eine betont plastische Struktur (8, Lerchengasse 32).

In späteren Jahren werden die Fassaden flacher. Als Dekor verwendet Esriel nun vielfach Putzfelder oder Dekorstreifen (Wien 15, Oeverseestraße 57, 1912). Häufig umfasst er auch einzelne Elemente durch Rahmungen mit schmalen Dekorstäben, und mehrmals finden sich in den Dachzonen einfach ausgebildete Giebel, die mehrere Fensterachsen zusammenfassen (Wien 15, Hütteldorfer Straße 24 / Costagasse 1, 1912-1913). Doch pflegt Esriel auch in dieser Zeit stilistischen Variationsreichtum. Wird etwa der „Paula-Hof“ (Wien 10, Reumannplatz 9, 1914) durch Riesenpilaster nobilitiert, so finden sich beim Miethaus in Wien 14, Dreyhausenstraße 42 (1915) mit Blütenmotiven und Rosenranken ausgeprägt florale Jugendstilmotive, wobei diese Dekoration in merkwürdigem Kontrast zur nach wie vor beibehaltenen späthistoristischen Dreizonenunterteilung steht. Allerdings erfolgt die Geschosstrennung nun nicht mehr durch Gesimse, sondern durch ein Fliesen- bzw. Dekorband.

Es dürfte wohl kaum restlos zu klären sein, inwieweit Richard Esriel tatsächlich plagiatorisch verfuhr bzw. wo in seinem Werk die Grenzen zwischen Epigonentum und Plagiat zu ziehen sind. Fest steht, dass er im Gegensatz zu vielen akademisch ausgebildeten Architekten jedenfalls eine gute Auftragslage zu verbuchen hatte. Seine Bauten zeichnen sich durchwegs durch Repräsentanz sowie Eleganz aus, und durch zurückhaltend eingesetztes modernes Formenvokabular innerhalb des im Wesentlichen fortgeführten historistischen Gestaltungskanons entsprach Esriel in hohem Maße den zeitgenössischen architekturästhetischen Ansprüchen.
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Werke

WOHN-/GESCHÄFTSBAUTEN:
1899-1900Miethaus, Wien 8, Lerchengasse 27
1899-1900Miethaus, Wien 8, Lerchengasse 32
um 1900Villa N.Ratz, Perchtoldsdorf, Sonnbergstraße, NÖ (Nr. unbek.)
um 1901Wohnhaus J.Kubeschka, Troppau, Schlesien, Berggasse / Opava, CZ
vor 1904Miethaus mit Kaffeehaus, Wien 9, Marktgasse 54 / Wagnergasse (heute Reznicekgasse)
1904Miethaus, Wien 16, Koppstraße 4
1904Villa, Wien 19, Eichendorffgasse 2 / Cottagegasse
1912Miethäuser, Wien 15, Oeverseestraße 55 und 57 (Ausf. August Scheffel)
1912-1913Miethaus, Wien 15, Hütteldorfer Straße 24 / Costagasse 1 (Ausf. August Scheffel
1913Miethaus, Wien 15, Loeschenkohlgasse 18 / Schweglerstraße 42 (Ausf. August Scheffel)
1914Miethaus „Paula-Hof“, Wien 10, Reumannplatz 9 (Ausf. August Scheffel)
1914Miethaus „Adler-Hof“, Wien 10, Ettenreichgasse 9 / Antonsplatz (Ausf. August Scheffel)
1914Miethaus, Wien 15, Costagasse 7 / Löschenkohlgasse
1914-1915Miethaus, Wien 15, Schweglerstraße 58 / Guntherstraße 7 (Ausf. August Scheffel)
1915Miethaus, Wien 14, Dreyhausenstraße 42
1924Miethaus, Wien 7, Westbahnstraße 48 (Umbau)
1928Villa, Wien 2, Böcklinstraße 27

ÖFFENTLICHE BAUTEN:
1900Synagoge, Wien 23, Dirmhirngasse 112 (1938 zerstört)

NICHT REALISIERTE PROJEKTE:
alle vor 1909
Rathaus in Deutsch-Lissa (Wettbewerbsentwurf, prämiert)
Wohnhaus in Lodz, Polen
Schlossbau in Chotebox
Villa in Ma.Trost
Aussichtswarte für das Riesengebirge
Div. Wohnhäuser
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Primärquellen

PUBLIKATIONEN:
R. Esriel: Gesammelte Skizzen, Fassaden und ausgeführte Bauten. Wien 1909

NACHLÄSSE UND ARCHIVE:
Centralblatt für die Eintragung in das Handelsregister Wien; WStLA (Todesfallsaufnahme, Verlassenschaftsabhandlung, Ehepakt, Schenkungsvertrag); IKG Wien (Friedhofsdatenbank) und IKG Mödling (Trauungsmatrikel)
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Sekundärquellen

LITERATUR:
P. Genee: Synagogen in Österreich. Wien 1992

HINWEISE AUF WERKE:
Der Bautechniker
20.1900, S.281ff (Villa d. Herrn N.Ratz, Perchtoldsdorf) / S.233f (Wohn- und Geschäftshaus 8, Lercheng. 32) / S.473f (Lerchengasse 27)
21.1901, S.113ff (Familien-Wohnhaus des Herrn J. ubeschka in Troppau – Berggasse)

WBIZ
21.1904, S.381ff (Wohnhaus 19, Cottagegasse/Eichendorfgasse – hier fälschlich Eichelhofstraße) / S.399ff (Wohnhaus Wien 16, Koppstr. 4)

NACHSCHLAGEWERKE:
Achl. III/1; Achl. III/2
Dehio Wien/2 (II.-IX.u.XX.Bez.); Dehio Wien/3 (X.-XIX.u.XXI.-XXIII.Bez.)
S. Waetzoldt: Bibliographie zur Architektur im 19.Jh. Nendeln 1977

LEXIKA:
AKL; Weihsmann 05
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Anmerkungen
Der bei Weihsmann 2005 behauptete Freitod konnte an Hand der Quellen nicht verifiziert werden.
Der „Adler-Hof“, Wien 10, Ettenreichgasse 9 / Antonsplatz wird bei Achl.III/1 irrtümlich Franz Klement (Erbauungsjahr 1896) zugeschrieben.
Eingegeben von: Inge Scheidl
Eingegeben am: 29.01.2008
Zuletzt geändert: 17.04.2008
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