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Franz Sitte


Quelle: F. Rieger: Die Altlerchenfelder Kirche, 1911

Persönliche Daten
Ausbildung, Studienreisen, internationale Aufenthalte
Beruflicher Werdegang, Lehrtätigkeit
Auszeichnungen und Ämter
Vita
Stellenwert
Werke
Primärquellen
Sekundärquellen
Anmerkungen
Persönliche Daten
* 08.07.1818 - † 26.06.1879
Geschlecht: m
Geburtsort: Bilý Kostel nad Nisou
damaliger Name: Weißkirchen, Böhmen
Land: Tschechien
damaliger Name: Kaisertum Österreich
Sterbeort: Wien-Penzing
damaliger Name: Penzing
Land: Österreich
damaliger Name: Österreich-Ungarn
Religionsbekenntnis: Röm. - Kath.
Berufsbezeichnung: Architekt
Familiäres Umfeld: Ehe (1842) mit: Theresia Schabes (1805–1863)
Sohn: Camillo S. (1843–1903), Architekt
Enkel: Siegfried S., Architekt
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Ausbildung, Studienreisen, internationale Aufenthalte
o.J.Gymnasium Reichenberg, Böhmen / Liberec, CZ
1835–1837Baumeisterlehre in Reichenberg / Liberec, CZ
1837–1839Akademie der bildenden Künste Wien (Architektur bei Pietro Nobile 1840–1841)
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Beruflicher Werdegang, Lehrtätigkeit
1841Architekturzeichner und Bauführer in München
1841–1842Praktikum bei Franz Xaver Lößl in Wien
um 1843als Bauführer in Brünn, Mähren / Brno und Wien tätig
1848Bauzeichner der Niederösterreichischen Baudirektion (nicht gesichert)
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Auszeichnungen und Ämter
1838Gundelpreis
1861Goldenes Verdienstkreuz mit Krone
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Vita
Franz Sitte wurde 1818 als Jüngster von neunzehn Geschwistern in Nordböhmen geboren. Bereits mit acht Jahren verwaist, wurde er von seiner Verwandtschaft, insbesondere der Familie des Malers Josef von Führich mit dem ihn zeitlebens eine Freundschaft verband, betreut. In Hinblick auf eine spätere Tätigkeit als Lehrer besuchte er zuerst das Gymnasium in Reichenberg / Liberec, entschloss sich jedoch, eine Baumeisterlehre zu absolvieren. Nach Beendigung der Ausbildung ging er nach Wien, um an der Akademie der bildenden Künste bei Pietro Nobile Architektur zu studieren. Trotz guter Erfolge brach er nach zwei Jahren sein Studium ab (angeblich in Konflikt mit Nobile wegen seiner Neigung für die Gotik) und ging nach München, wo er als Bauführer und Bauzeichner arbeitete und sich mit den neuesten Tendenzen der dortigen Architektur vertraut machte. Nach Wien zurückgekehrt praktizierte er Anfang der vierziger Jahre bei dem Architekten Franz Xaver Lössl. In dieser Zeit ging er eine Ehe mit der um dreizehn Jahre älteren Theresia Schabes ein. Aus dieser Verbindung stammt sein einziger Sohn Camillo, der seinerseits ein berühmter Architekt und Stadtplaner werden sollte. Im Auftrag Ludwig Försters arbeitete er dann für einige Zeit als Bauführer in Brünn und Wien.

1848 erhielt Franz Sitte die Bauleitung der Altlerchenfelder Kirche übertragen. Nach dem frühen Tod des Architekten Georg Müller (1849) war er jedoch bald für die Weiterführung des Projekts, das sich noch über zehn Jahre hinziehen sollte, in alleiniger Verantwortung tätig. Diese Aufgabe sollte für Franz Sittes berufliche Laufbahn entscheidend sein, denn auch späterhin war er nahezu ausschließlich im Kirchenbau tätig. Nach dem ersten selbständigen Projekt, der heute nicht mehr erhaltenen Priesterhauskapelle (Wien 3, Ungargasse 38, 1852), war er in den fünfziger Jahren vor allem mit Kirchenumbauten bzw. Erweiterungen, wie bei der Kirche in Jedenspeigen, NÖ, oder der Wiener Piaristenkirche, befasst. Erst 1860 konnte er mit der Pfarrkirche von Vöslau, NÖ, wieder ein eigenständiges Werk errichten, während die Planung der Mechitaristenkirche (1871–1874) schon in seine letzten Lebensjahre fiel und in vielen Bereichen bereits von der Mitarbeit seines Sohnes Camillo geprägt war.

Franz Sitte, der sich auch an diversen prominenten Wettbewerben beteiligt und einige Grabmäler für Angehörige des Klerus entworfen hatte, trat auch als Theoretiker hervor, indem er zahlreiche Vorträge hielt und seine Überlegungen über die Notwendigkeit zur Schaffung eines neuen Stils publizierte. Von einer neuen Architektengeneration an die Wand gedrängt, ist Franz Sitte, der in seinen letzten Lebensjahren kaum mehr Aufträge erhalten hatte und als Eigenbrötler galt, im 61.Lebensjahr in Wien-Penzing verschieden.
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Stellenwert
Franz Sitte, der völlig im Schatten seines berühmten Sohnes Camillo steht, gehört der kleinen und heute weitgehend vergessenen Gruppe von Architekten an, die als Vertreter eines frühen „romantischen Historismus“ den Übergang von der neoklassizistischen Richtung eines Nobile und Sprenger zur großen Ära der Ringstraßenarchitektur bilden. Selber noch bei Nobile ausgebildet, beschäftigte er sich schon in seiner Studentenzeit mit der Gotikrezeption, wobei er weitgehend von der Münchner Schule beeinflusst war.

In seiner Frühzeit war vor allem Franz Sittes Beitrag zum paradigmatischen Bau der Altlerchenfelderkirche von großer Bedeutung. Das von dem jungen Schweizer Architekten Georg Müller begonnene Projekt wurde in seiner romantischen, phantasievollen Formensprache von den Zeitgenossen als wesentliche Abkehr von der bis dahin vertretenen Richtung einer klassizierend, trockenen „Beamtenarchitektur“ verstanden, wie sie insbesondere von Sprenger vertreten wurde. Der schöpferische Anteil Sittes an der Altlerchenfelderkirche ist in der Literatur strittig, scheint aber schon infolge des Umstands, dass Sitte nach Müllers Tod (1849) noch über zehn Jahre die Bauleitung innehatte (der junge van der Nüll war für die Innenausgestaltung zuständig), nicht unwesentlich.

Die von Franz Sitte späterhin eigenständig durchgeführten Bauten sind wichtige Beispiele der Gotikrezeption in Österreich, noch vor der Ära Friedrich v. Schmidts. Insbesondere die nicht mehr erhaltene Priesterhauskapelle (Wien 3, Ungargasse 38, 1852–1854) stellte in ihrer polychromen Durchgestaltung und durch die Mitarbeit von Malern wie Josef v. Führich und Leopold Kupelwieser ein wichtiges Beispiel eines romantischen Gesamtkunstwerks dar. Als Hauptwerk Sittes ist jedoch die Pfarrkirche von Vöslau (1860–1870) anzusehen, in der der Architekt seine Vorstellung eines romantisierenden, freien Umgangs mit dem gotischen Formenrepertoire uneingeschränkt umsetzen konnte.

Sittes letztes Werk, die Mechitaristenkirche (Wien 7, Neustiftgasse 4, 1871–1874), geht nur mehr teilweise auf ihn zurück und trägt bereits die Handschrift seines Sohnes Camillo, den er sukzessive in das Projekt mit einbezog. Franz Sitte selbst ging ursprünglich in seinen (nur teilweise ausgeführten) Plänen von der Formensprache der italienischen Frühgotik aus, wie sie seinerzeit bei der Altlerchenfelderkirche Anwendung gefunden hatte, wohingegen der ausgeführte Bau (insbesondere die Fassade) unter Einfluss seines Sohnes eine Übernahme von Renaissanceformen darstellt. Wieweit dieser Umstand auf einen bescheidenen Charakter von Franz Sitte schließen lässt oder die Durchsetzung einer stärkeren schöpferischen Persönlichkeit, sei dahingestellt.

Nicht unwesentlich ist auch Franz Sittes theoretisches Werk. In zahlreichen Vorträgen und vor allem in seiner Schrift „Beleuchtung des Monumental-Monumentes ...“ (1877) befasste er sich insbesondere in seinen letzten Jahren mit der Notwendigkeit der Schaffung eines neuen Stiles, wobei er mit „seinem verquält romantischen Gedankengebäude“ (Schmalhofer) nicht immer auf das Verständnis seiner Zeitgenossen stieß.
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Werke

WOHN-/GESCHÄFTSBAUTEN:
1864Pfarrhaus der Piaristen, Wien 8, Lederergasse 8

ÖFFENTLICHE BAUTEN:
1848–1861Altlerchenfelder Kirche, Wien 7 (anfangs Bauleitung unter Georg Müller, nach dessen Tod für die Fertigstellung insbesondere für die Details des Außenbaus verantwortlich)
1852–1854Priesterhauskapelle Wien, 3, Ungargasse 38 (nicht erhalten)
1856–1858Kirche in Jedenspeigen (Erweiterung u. Marienkapelle), NÖ
1853–1858Grabmal Erzbischof Milde, Katharinenkapelle St.Stephan, Wien 1
1856–1869Piaristenkirche Maria Treu (Fassade u. Türme), Wien 8, Jodok Fink-Platz
1860–1870Pfarrkirche, Vöslau, NÖ
1862ehem. Mädchenschule der Piaristen, Wien 8, Lederergasse 8
1871–1874Mechitaristenkirche St.Ulrich, Wien 7, Neustiftgasse 4 (mit Camillo Sitte)
o.J.Gruft des Grafen Walterskirchen
o.J.Dom in Erlau bei Eger, Böhmen / Cheb, CZ (Restaurierung)

NICHT REALISIERTE PROJEKTE:
1849Kaiser Franz Joseph-Stadttor im Stubenviertel (Wettbewerbsentwurf)
1854Votivkirche, Wien (Wettbewerbsentwurf, in Zusammenarbeit mit Josef Führich)
1852Breitenfelderkiche (Wettbewerbsentwurf)
1858Kirche in Fünfhaus (Wettbewerbsentwurf)
o.JKaiser Franz Kirche (Entwurf)
o.J.Plan für ein königliches Schloss
o.J.Stadtpalais
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Primärquellen

PUBLIKATIONEN:
F. Sitte: Ein architektonischer Gedanke über die Erbauung der beiden natur- und kunsthistorischen Museen in Wien. Wien 1867
F. Sitte: Beleuchtung des äußeren Monumental-Monumentes des vom österr. Civilarchitekten Franz Sitte entworfenen und zur öffentlichen Betrachtung in der deutschen allgemeinen Kunstausstellung zu Wien vorgeführten Kirchenbauprojektes. Wien 1877

VORTRÄGE:
1868 mehrere Vorträge über die Wichtigkeit der Erfindung eines neuen Baustils

NACHLÄSSE UND ARCHIVE:
Institut für Raumplanung d.TU Wien (Sitte Archiv, Katalog des Nachlasswerkes von Franz, Camillo u. Siegfried Sitte, 2 Bde.)
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Sekundärquellen

LITERATUR:
W. Bandion: Steinerne Zeugen des Glaubens. Die heiligen Stätten der Stadt Wien. Wien 1989
G. Frodl (Hg.): Geschichte der bildenden Kunst in Österreich, 19.Jh. Bd.5, München u.a. 2002
W. Kitlitschka: Historismus und Jugendstil in Niederösterreich. St.Pölten 1984
A. Missong: Heiliges Wien. Wien 1933
Ch. Müller: Die großen Architekten der Ringstraßenzeit (Kat.). Bad Vöslau 1896, S.70ff
M. Paul: Technischer Führer durch Wien. Wien 1910
F. Rieger: Die Altlerchenfelder Kirche. Wien 1911, S.80ff
O. Rychlik (Hg.): Die Vöslauer Pfarrkirche. Wien 1992
E. Schmalhofer: Der Architekt Franz Sitte 1818–1879, Dipl.Arb. Wien 1998
M. Schwarz: Zur Baugeschichte der Mechitharistenkirche. In: Die Steine sprechen 38.1999, Nr.114, Bd.3, S.2
J. Schwarzl: Franz, Camillo u. Siegfried Sitte. In: Zeitschrift d. österr. Ing.- u. Architektenvereines 94.1949, S.49ff
H. Sitte: Camillo Sitte 1843–1903. In: Neue österr. Biographie, Bd. 6, Wien 1929, S.132ff
E. Springer: Geschichte u. Kulturleben d. Wr. Ringstraße (Wr. Ringstraße, Bd. 2). Wien 1979
R. Wagner-Rieger: Wiens Architektur im 19.Jh. Wien 1970
Wr. Geschichtsblätter 15(75).1969, Nr.3 (Priesterhauskapelle)

NACHSCHLAGEWERKE:
Dehio Wien/2 (II.–IX. u. XX. Bez.); Dehio NÖ/Nord; Dehio NÖ/Süd A–L

LEXIKA:
ÖBL; H. Sturm (Hg.): Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder. 4 Bde Wien 1974ff; ThB; C. Wurzbach;
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Anmerkungen
In Thieme-Becker Geburtsjahr fälschlich mit 1808 angegeben.
Eingegeben von: Ursula Prokop
Eingegeben am: 01.03.2011
Zuletzt geändert: 04.11.2011
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