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Egon Riss

Persönliche Daten
Ausbildung, Studienreisen, internationale Aufenthalte
Beruflicher Werdegang, Lehrtätigkeit
Auszeichnungen und Ämter
Mitgliedschaften
Vita
Stellenwert
Werke
Primärquellen
Sekundärquellen
Anmerkungen
Persönliche Daten
* 03.08.1901 - † 17.03.1964
Geschlecht: m
Geburtsort: Lipnik
damaliger Name: Lipnik, Galizien
Land: Polen
damaliger Name: Österreich-Ungarn
Sterbeort: Colinton, Schottland
Land: Großbritannien
Religionsbekenntnis: Mosaisch
Familiäres Umfeld: Vater: Isidor R. (Kaufmann in Bielitz)
Bürogemeinschaft: ab 1924 mit Fritz Judtmann
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Ausbildung, Studienreisen, internationale Aufenthalte
o.J.Realschule in Bielitz, Galizien / Bielsko-Biala, P
1919-1920Studium an der Technischen Hochschule Wien (bei Ferstel, Simon, Mayreder)
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Beruflicher Werdegang, Lehrtätigkeit
o.J.selbständiger Architekt in Wien
1938Emigration nach England
1949-1964Leitender Architekt des Scottish Coal Board (Errichtung von Bergwerksbauten)
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Auszeichnungen und Ämter
o.J.Mitglied im Rat für Bauwesen des Völkerbundes
o.J.Unterausschuss für Krankenhausbauten
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Mitgliedschaften
ab 1924Zentralvereinigung der Architekten Österreichs
1930-1938Genossenschaft bildender Künstler Wiens
ab 1946Gesellschaft bildender Künstler Wiens, Künstlerhaus
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Vita
Egon Riss wurde 1901 als Sohn des jüdischen Kaufmannes Isidor Riss in Lipnik, Galizien, heute Polen geboren. Nach Beendigung seines Studiums an der Technischen Hochschule in Wien im Jahr 1920 war er als freischaffender Architekt in Wien tätig. Noch im selben Jahr, 1924, in dem Riss als Mitglied in die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs aufgenommen wurde, gründete er zusammen mit Fritz Judtmann eine erfolgreiche berufliche Partnerschaft. Riss und Judtmann haben in ihren wenigen Wiener Bauten (Ambulatorium der Wiener Gebietskrankenkasse, Wien 3, Strohgasse 28; Tuberkulosepavillon in Lainz, Wien 13, Wolkersbergenstraße 1; Gemeindebau, Wien 5, Diehlgasse 20–26) die damals zeitgemäßen Inhalte mit besonderer formaler Qualität auszudrücken vermocht; ihre Bauten sind eindrucksvolle Dokumente einer architektonisch wie politisch kämpferischen Zeit. Im Ambulatorium der Gebietskrankenkasse wurden administrative und sanitäre Anforderungen, die durch einen starken Parteienverkehr geprägt sind, in einem Bau vereint. Der Tuberkulosepavillon im Lainzer Krankenhaus gehört laut F. Achleitner bis heute „zu den besten Spitalsbauten der Stadt“, der nicht nur einen hohen ästhetischen Standard aufweist, sondern auch anschaulich die Symbole von Fortschritt und Hygiene vereint. TBC gehörte damals zur typischen „Wiener Arbeiterkrankheit“ und den „roten“ Politikern war es in ihrer Gesundheitspolitik ein großes Anliegen, diese Volkskrankheit zu bekämpfen.

1938 musste Egon Riss auf Grund seiner jüdischen Herkunft Wien verlassen. Er emigrierte über die Tschechoslowakei nach England. Nach Kriegsende übersiedelte er nach Schottland, wo er von 1949 bis 1964 als leitender Architekt des Scottish Coal Board tätig war.

Am 25. Mai 1946 wandte sich Riss an den Präsidenten des Wiener Künstlerhauses. Das Schreiben ist ein bemerkenswertes Zeugnis für die Situation der Emigranten nach 1945: „Sehr geehrter Herr Präsident, als langjähriges Mitglied des Künstlerhauses würde ich Sie bitten mir behilflich zu sein mit einigen meiner ehemaligen Kollegen in Verbindung zu kommen. Die Kollegen sind Dr. Fritz Judtmann, Dr. Gustl Hagyza. Ich habe keine Ahnung wie die Post lautet (...). Das Schicksal folgender Kollegen würde mich interessieren. Dr. Pfann, Arch. Kamus, Arch. Baumgartner, Dr. Böck, Prof. Fellerer, Arch. Haerdtl (Kunstgewerbe Schule). Ich bin mir nicht ganz klar über mein Verhältnis zum Künstlerhaus. Vielleicht könnten Sie mir mitteilen ob ich Mitglied bin oder nicht. Während des Krieges habe ich als Offizier in der Englischen Armee gedient und werde nun die englische Staatsbürgerschaft erhalten. Trotzdem habe ich als Österreicher viele Gefühle für meine alte Heimat und wäre ihnen dankbar für Nachrichten aus Wien. Ich unterrichte an der A. A. School for Architecture und werde Ihnen gerne behilflich sein alte Verbindungen wieder aufzunehmen. Mit kollegialem Gruß, Egon Riss.“ Es ist nicht bekannt, ob Riss jemals eine Antwort auf dieses Schreiben erhalten hat.

Im Jahr 1964 starb Egon Riss 63-jährig in Schottland.
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Stellenwert
Obwohl Egon Riss (meist in Zusammenarbeit mit Fritz Judtmann) nur wenige Bauten in Wien realisieren konnte, gehört er dennoch zu den bemerkenswertesten Architekten, die in der Zwischenkriegszeit tätig waren.

Das fortschrittliche Denken von Egon Riss zeigt sich vor allem in öffentlichen Bauten, die in Verbindung mit sanitären Anforderungen standen. So verwirklichte Riss im Ambulatorium der Wiener Gebietskrankenkasse einen dynamisch-fortschrittsbejahenden Hygienebau der Moderne, der nach außen auf Symmetrie und im Inneren auf Orientierbarkeit ausgerichtet ist. Der Bau musste also die Vorzüge eines utilitären Bürohauses mit den hygienischen Anforderungen modernst ausgestatteter Ambulatorien verbinden. Ein möglichst klarer, auf Achsen basierender Grundriss, die materialgerechte Behandlung der Baustoffe und deren Formkühnheit sowie die größtmögliche Ausnützung der vorhandenen Grundfläche, ergaben den Eisenbetonpfeilerbau. Unter Umgehung der spitzwinkeligen Ecke Strohgasse / Traungasse, entstand ein halbkreisförmiger „Rundlingsbau“, dessen horizontale Betonung aus den großen Scheiben wie auch aus Parapettstreifen, die das Rund durchziehen, resultiert, einen dynamischen Eindruck erweckt und in Büroetagen auskragt. Um eine möglichst übersichtliche Abwicklung des Parteienverkehrs und eine sichere Orientierung zu gewährleisten, wurde ein zentral gelegenes Stiegenhaus mit großem Foyer und direktem Zugang zu den Warteräumen im 1. und 2.Stock geplant. Im oberen Geschoß des Rundbaus befand sich der Sitzungssaal, wodurch das Motiv der „Kommandobrücke“ seine Berechtigung erhielt.

Zum Tuberkulosepavillon in Lainz schreibt F. Achleitner: „Die nüchtern- sachliche, aber nicht unfreundliche Gestaltung dieses architektonisch interessantesten Baus der Anlage mittels großzügiger Durchfensterung und vielfältiger Staffelung und Schichtung konnte das Vertrauen in eine moderne Medizin und erste Erfolge ausdrücken.“ Nach Norden ist das Gebäude abgeschlossen, nach Süden hin, mit Liegeterrasse, offen.

Regelmäßigkeit und Ausgewogenheit der Fassadengliederung ist typisch für Egon Riss und findet sich auch in der Wohnhausanlage Diehlgasse, wo die Fassade den Eindruck eines „Karomusters“ (F. Achleitner) erweckt. Die horizontale Gliederung durch Mauerbänder und Loggien wird dort von den „Längsstreifen“ der verglasten Veranden überlagert. Die Verwendung von ganz verglasten Veranden in Kombination mit offenen, durchgehenden Loggien, ist eine für Wien einzigartige Fassadenlösung. Diese Kombination ist, abgesehen von der eleganten Wirkung, auch vom Gebrauch her sinnvoll.

Zu einem weiteren wichtigen Wiener Bau der frühen 30er Jahre gehört, trotz baulicher Veränderung (wie etwa der Fenster), das Haus der Gastgewerblichen Arbeiterschaft, das „Porrhaus“. Das Haus wird irrtümlich so genannt, denn das richtige Porr-Haus befindet sich anschließend in der Operngasse 11 und wurde von denselben Architekten (Riss/Judtmann) 1931 für die Porr-AG erbaut. Durch den anschließenden Bibliotheksbau ist die Wirkung heute ziemlich geschwächt.

Riss’ Arbeiten in Schottland umfassten vor allem Ingenieurs und Bergwerksbauten, die meisterhafte Lösungen komplexer technischer und sozialer Aufgabenstellungen sind.
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Werke

WOHN-/GESCHÄFTSBAUTEN:
1928-1929WHA d. Gem. Wien, Wien 5, Diehlgasse 20-26 / Brandmayergasse 24 (mit Fritz Judtmann)
1933Haus Baar, Wien 19, Hartäckerstraße 41 (mit Fritz Judtmann)
1936Wohnhaus, Wien 19, Heiligenstädter Straße 95

ÖFFENTLICHE BAUTEN:
1926-1927Ambulatorium, Wien 3, Strohgasse 28 (mit Fritz Judtmann)
1929-1930Tuberkulosepavillon, Lainzer Krankenhaus, Wien 13, Wolkersbergenstraße 1 (mit Fritz Judtmann)
1930-1931„Porrhaus“, Wien 4, Operngasse 11 / Treitlgasse 3 (mit Fritz Judtmann)
1931Haus der Gastgewerblichen Arbeiterschaft, Wien 4, Treitlstraße 1 / Operngasse 9 (mit Fritz Judtmann, oftmals irrtümlich als Porrhaus benannt, heute Büro- und Versammlungsgebäude des Österr. Gewerkschaftsbundes)
1931-1932Café-Pavillon in der Werkbundsiedlung, Wien 13, Veitingergasse (zerstört)
o.J.Krankenhaus und Verwaltungsgebäude für Arbeiter des Transportwesens
o.J.Krankenhaus und Verwaltungsgebäude für Arbeiter des Hotelgewerbes
o.J.ca. 15 große Familienhäuser rund um Wien und Silesia, Schlesien, P/CZ
o.J.2 Terrassenwohnhäuser

INNENRAUMGESTALTUNG/DESIGN:
1928Entwürfe für Deckenleuchten und Stehlampen

NICHT REALISIERTE PROJEKTE:
1932Pläne zur baulichen Neugestaltung des Wiener Stadtzentrums
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Primärquellen

PUBLIKATIONEN:
E. Riss: Die Raumverteilung – Die neue Stadt Wien. Wien 1936

NACHLÄSSE UND ARCHIVE:
Achleitner-Archiv; Österr. Gal.: Nachlass R. Schmidt; TUWA; KHA des WStLA
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Sekundärquellen

LITERATUR:
Anonym: Moderner Städtebau. Aus einem Gespräch mit Architekt Egon Riss. In: Österreichische Kunst 8.1937, H.2, S.26
F. Stadler: Vertriebene Vernunft II, Münster 2004
G. Koller / G. Withalm: Die Verteibung des Geistigen aus Österreich. Wien 1985
I. Meder: Offene Welten, die Wiener Schule des Einfamilienhausbaus 1901–1938. Diss. Uni. Stuttgart 2003
H. Weihsmann: Das Rote Wien, Wien 2002
G. Weissenbacher: In Hietzing gebaut. 2 Bde. Wien 1999-2000

HINWEISE AUF WERKE:
Bau- und Werkkunst
1926/27, S.277 (Egon Riss)

Österreichische Kunst
9.1938, H.3.S.16 (Wohnhaus Heiligenstädterstraße)

Profil
1.1933, H.5, S.156ff (Porr A.G.: Ein modernes Bürogebäude, mit Fritz Judtmann) / H.10, S.5ff, S.331 (Zwei Einfamilienhäuser, mit Fritz Judtmann)
2.1934, H.6, S.173ff (Das Kinderzimmer als Bühne, mit Fritz Judtmann) / H.10, S.357 (Einfamilienhaus, mit Fritz Judtmann)

ZÖIAV
79.1927, S.411ff, T.12f (Amtsgebäude der Arbeiterkrankenkasse des Gremiums der Wr.Kaufmannschaft)

NACHSCHLAGEWERKE:
Achl. III/1; Achl. III/2; Dehio 2; Dehio 3

INTERNETLINKS:
http://ezines.onb.ac.at:8080/www.nextroom.at/cdrom/bw10277.html
http://ezines.onb.ac.at:8080/www.nextroom.at/cdrom/arch/10348.html
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Anmerkungen
Eingegeben von: Petra Schumann
Eingegeben am: 21.01.2004
Zuletzt geändert: 13.01.2017
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